Unser Einsatz für die Erhaltung des Reutlinger Kulturerbes

Bei der gut besuchten Veranstaltung im Franz.K am 27.11. diskutierten auf dem Podium (von links nach rechts) Dr. Boris Niclas-Tölle (SPD), Dr. Christl Ziegler (Frauengeschichts-Werkstatt Reutlingen), Prof. Roland Wolf (Geschichtsverein) und Dr. Carl Gustav Kalbfell (Altstadt-Freundeskreis).
Das Statik-Problem in der Oberamteistrasse. Auszug aus einer öffentlichen Präsentation des Stuttgarter Architekturbüros Space4 vom 19.07.2012
Blick auf die Oberamteistr. 32-28 (links im Bild)

Mit einer gut besuchten Informations- und Diskussionsveranstaltung am 27.11. im Franz.K hat die Reutlinger SPD klar Stellung für die Rettung der mittelalterlichen Häuserzeile in der Oberamteistrasse bezogen. Zusammen mit den eingeladenen Gästen des Reutlinger Geschichtsvereins, des Altstadt-Freundeskreises und der Frauengeschichts-Werkstatt konnte so das deutliche Zeichen gesetzt werden, dass große Teile der Reutlinger Öffentlichkeit nicht mehr länger tatenlos beim Zerfall des Reutlinger Kulturerbes zusehen wollen. Die Veranstaltung stieß überwiegend auf Zustimmung durch das versammelte Publikum, der Reutlinger GEA und andere Zeitungen berichteten umfassend.

Die denkmalgeschützten Gebäude in der Oberamteistr. mit den Nummern 28-32 gehören zu den ältesten und prunkvollsten Gebäuden der Reutlinger Altstadt. Als Teile der alten Spital-/Klosteranlage des Königsbronner Hofes überstanden die Gebäude Stadtbrand und Weltkrieg. Die Häuser, die im 14. und zu Teilen sogar bereits im 13. Jahrhundert errichtet wurden, weisen zahlreiche architekturgeschichtliche Besonderheiten wie ein in das Ensemble integriertes Steingebäude, eine neuzeitliche Bohlenstube mit gewölbten Decken, einen tunnelartigen Durchgang in den Klosterhof mit gotischen Eingangstüren und vieles mehr auf.

Seit dem Abriss des Hauses auf dem Grundstück Oberamteistr. 34 (heute genutzt als Parkplatz) in den 1970er Jahren ist das an sich nach wie vor tragfähige Fachwerk des Hauses in eine Schieflage geraten, so dass der Einsturz der gesamten Anlage droht. Bereits vor einigen Jahren wurden deshalb notdürftig große Holzstützen an den Wänden angebracht, diese konnten das Gebäude aber nicht langfristig stabilisieren (siehe Grafik rechts).

Bereits seit den 1980er Jahren plant die Stadt, in den heute leerstehenden Räumlichkeiten eine Erweiterung des Reutlinger Heimatmuseums einzurichten. Das 1996 eröffnete Heimatmuseum wurde in seiner heutigen Form von Beginn an als "erste Bauphase" konzipiert. Diese Tatsache spiegelt sich in der Dauerausstellung des Heimatmuseums wieder, in der bedeutende Aspekte der Reutlinger Geschichte, wie etwa eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem 20. Jahrhundert, fehlen. Die Stadtverwaltung hielt die Planung für einen zweiten Bauabschnitt über die Jahrzehnte hinweg bei, zuletzt wurde in der Kulturkonzeption der Stadtverwaltung von 2006 ein entsprechender Ausbau in der Oberamteistr. in Aussicht gestellt. Als aber für den Haushaltsplan 2013/14 eine Summe von insgesamt neun Mio. Euro für die Sanierung und die zweite Bauphase des Museums eingeplant wurden, fiel das Projekt der Sparwut konservativer Gemeinderäte zum Opfer - sämtliche Gelder wurden gestrichen. Nur dank des schnellen Eingreifens der SPD-Fraktion konnte zumindest eine Summe von 250.000 Euro für den Erhalt der Gebäude bereitgestellt werden. Damit wurde das Gebäude kurzfristig vor einem weiteren Verfall bewahrt, eine Sanierung ist mit dieser Summe aber keinesfalls machbar. Ein Vorschlag der Verwaltung vom Ende 2014, die Gebäude durch den Verkauf an einen Investor zur Wohnbebauung nutzbar zu machen und so zu erhalten, riefen in der Öffentlichkeit Enstetzen hervor. Der Altstadt-Freundeskreis wurde gegründet, der Reutlinger Geschichtsverein machte in einer Veranstaltung am 3. Juli 2015 auf das Problem aufmerksam und die Fachzeitschrift "Schwäbische Heimat" warnte vor einem "Verkauf des Familiensilbers" in Reutlingen.

Ein Verkauf des Ensembles würde die Aufgabe dieser Gebäude bedeuten - Privatinvestoren könnten sich auf den schlechten Zustand der Gebäude berufen um den Denkmalschutz zu umgehen. Gastronomie, Wohnräume mit Küchen und Badezimmern oder auch moderne Ladenflächen können in den Räumlichkeiten nicht untergebracht werden, ohne die mittelalterliche Substanz nachhaltig zu zerstören. Eine erhaltende Nutzung kann so nicht erfolgen.

Die SPD Reutlingen fordert deshalb, nach nunmehr dreißig Jahren Planungsphase endlich die zweite Bauphase des Heimatmuseums zu realisieren. Nur die museale Nutzung erlaubt es, die kulturgeschichtlichen Schätze der Anlage der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die überregionale Bedeutung Reutlingens als Kulturzentrum am Fuße der Schwäbischen Alb auszubauen. Der Einsturz oder die Veräußerung des Ensembles hingegen würden einen unschätzbaren Verlust für Reutlingen bedeuten.